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Vereinbaren als Übung im Loslassen

Das Thema der Vereinbarkeit ist in aller Munde, und wie so oft, verwässert dadurch seine Bedeutung, wird Vereinbarkeit teilweise zum spaltenden Kampfbegriff. Dabei ist die Idee der Vereinbarkeit eine schöne: Harmonie und Kompromiss stehen dahinter. Aber warum fühlt sich diese Idee dann manchmal so nach Disharmonie und Spaltung an? Vielleicht auch deshalb, weil sie ganz schön an unser Innerstes geht. Für mich persönlich haben sich drei Dinge auf dem Weg des Vereinbarens herauskristallisiert:

Bennenen

In meiner persönlichen Erfahrung ist es so, dass ich mich die ganze Zeit verändere, mein Wollen, mein Können. Die Welt verändert sich, mein Fokus mit. 

Deshalb sehe ich es als unerlässlich an, immer und immer wieder zu reflektieren und zu kommunizieren: Was möchte ich in meinem Leben miteinander vereinbaren und was hindert mich daran?

Ich zum Beispiel möchte viel Zeit mit meinen Kindern verbringen. Aber nicht ausschließlich. Ich möchte mich intellektuell betätigen. Ich möchte auch, dass es meinen Kindern gut geht. Wenn ich meine Kinder in einer Kita betreuen lasse, möchte ich, dass sich letzterer Punkt nicht ausschließt. Und ich glaube, daran haben einige von uns zu knabbern. Es wird das „schlechte Gewissen“ genannt.

Ein erster Schritt in Richtung Vereinbarkeit ist für mich daher derjenige, mir die Frage zu stellen, ob ich mit meinem Gewissen (!) vereinbaren kann, dass ich nicht fortwährend für sie da bin. Dass ich daran glaube, dass es ihnen auch ohne mich gut gehen kann.

Loslassen

Wenn ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann, dass ich für meine Kinder nicht fortwährend die erste Ansprechpartnerin bin, habe ich vielleicht einen Anspruch losgelassen, den ich mir unbewusst auferlegt hatte.

Und diese Erfahrung kann meinem Eindruck nach die Basis dafür sein, einmal alle Ansprüche, die ich an mich selbst stelle, loszulassen, und mir nur diese wieder aufzuerlegen, die meinem jetzigen Sein entsprechen. Dann kann ich meine Ansprüche realistischer Weise besser mit meinen Kapazitäten vereinbaren.

Natürlich passiert all dies nicht im luftleeren Raum, es gibt Rahmenbedingungen, Strukturen, finanzielle Nöte. Und doch sind sie es nicht alleine, die unsere Möglichkeiten des Vereinbarens prägen. Wir selbst dürfen uns Vereinbarkeit im Rahmen der Möglichkeiten zugestehen.

Ausprobieren

Wenn ich dann eine Auswahl, eine Konstellation für mich und meine Familie getroffen habe, dann muss ich ihrer Bewährung Zeit einräumen.

Oft wollen wir die Veränderung schnell ihrer Gültigkeit beweisen, ihrer Richtigkeit. Aber Veränderung braucht Zeit.

Wenn ich jetzt eine Arbeit in Teilzeit aufnehme und mein jüngstes Kind dafür länger in der Kita ist, dann möchte ich uns beiden den Raum und die Zeit geben, in diesem Wandel anzukommen.

So stelle ich mir vor, dass dies mit der Vereinbarkeit klappen kann: Benennen, Loslassen, Ausprobieren.

 

Danke für den Gastbeitrag liebe Jasmin

Jasmin, Mutter zweier Kinder im Alter von dreieinhalb und fast eineinhalb Jahren, mit dem Mann und Vater der Kinder gemeinsam die Wege des Vereinbarens auslotend, während ich als studierte Filmwissenschafterin und Mediendramaturgin nun eine neue Beschäftigung auf 20-Wochenstunden-Basis fand.